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Guttenberg, oder: Quellen, Quellen, Quellen!

brave new texts

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Die Guttenberg-Affaire macht vor allem eines deutlich: Akademische Arbeiten können sich nicht länger in Pflichtexemplaren und überteuerten Publikationen verstecken.

Dieses Thema wäre auch ideal für die Kategorie The One and Twenty: Im Zuge der Digitalisierung der Welt wird es noch viele weitere Überraschungen geben, was Publikationen im allgemeinen, Dissertationen im speziellen und auch eine neue Generation von Geistschreiberinnen und Geistschreibern betrifft. Dazu morgen mehr.

Was wir jetzt brauchen, sind Quellen. Es gibt das GuttenPlag Wiki zur Sammlung aufgefundener Plagiatsstellen aus Guttenbergs Dissertation, von denen sich anzufinden scheinen, und das ist ein guter Anfang. Jetzt müssen wir aber noch dafür sorgen, daß sich auch die Quellen für die Quellen nicht weiter in Pflichtexemplaren und überteuerten Fachpublikationen verstecken können, sondern der Allgemeinheit zugänglich sind: zum Prinzip selbst schrieb ich ausführlicher in meinem Blogeintrag zur Bezahlung wissenschaftlicher Blogbeiträge.

Über die Online-Bibliothekssysteme läßt sich zügig herausfinden, in welchen Bibliotheken welche Dissertationen stehen. Mal angenommen, es gäbe plötzlich ein großes Interesse an Forschungsprojekten zu dem Themenfeld, sagen wir, »Zur Themenwahl, Struktur und Diktion akademischer Arbeiten aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Politikern und Vorstandsmitgliedern in Deutschland«. Der eine Forscher kopiert für seine Forschung ein Kapitel aus dieser Arbeit, die andere Forscherin für ihre Forschung ein Kapitel aus jener Arbeit, man und frau tauscht sich akademisch aus, und plötzlich haben wir aus völlig legalen Prozeduren des Kopierens, des Digitalisierens und des kollaborativen akademischen Austauschens von Quellen und Forschungsergebnissen einen wahren Torrent an Dokumenten aus dieser Zeit, der sich dann im weiteren Verlauf ganz klassisch systemisch verhält und dafür sorgt, daß ein Gesamtbild entsteht, das unser kollektives Wissen erweitert und bereichert.

Forschung ist, wenn aus vielen Teilen ein großes Ganzes entsteht, und auf der systemischen Ebene sind klassische Wissenschaft und modernes Crowdsourcing gar nicht so weit voneinander entfernt, wie es uns manchmal scheinen will.

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7 Responses

  1. ausserdem: es wäre dumm denVorgang als Dummheit zu labeln.

  2. Schützt die politische Immunität auch vor Dummheit?

  3. Nein aber Reichtum und fast 1000jährige Familiengeschichte.

  4. Was für ein Aufstand über die Arbeit von Guttenberg. Kopiert oder nicht, was solls. Was mich an der Geschichte am Meisten aufregt ist, dass darüber mehr Aufstand gemacht wird und ein größeres Echo in den Medien findet, als die armen Bundeswehrsoldaten in Afghanistan.

  5. Alles nur schäbige linke Propaganda … dauert nicht mehr lange und es stellt sich heraus, dass der Ghostwriter angestiftet wurde!

  6. Der Glaube, nicht erwischt zu werden, ist immer eine Form von Dummheit.