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Twitter. Teil I: Lose Gedanken zur Geschichte des Nanotextens

gyokusai on Twitter

Twitter

Apropos Nanoschreiben, Nanotexten, Nanodichten — Twitter und Anverwandte: Kommunikationsrubriken in Offertenblättern, Haiku, Nanonovels, Kurzgeschichten von John Barth.

In Anbetracht der Tatsache, daß ich mich vor vier Wochen zweieinhalb Tage und Nächte lang darum bemüht habe, mich in der #Mumbai #Nariman Twitter Crowd nützlich zu machen, gestern an der ersten “citizens ‘press’ conference” #AskIsrael auf Twitter teilgenommen habe, gehalten von David Saranga von @israelconsulate [mittlerweile umbenannt in ], und heute nach nicht endenwollendem Editieren endlich meine erste Nanonovel auf veröffentlicht habe (I know it’s crazy, but it’s also fun), wird es Zeit, mal ein paar Worte zu Twitter zu verlieren — ein Medium, das sich in meinem Leben zu einem der wichtigsten Kommunikationskanäle überhaupt entwickelt hat, und das in unseren munter rotierenden Werber- und Werberinnenköpfen viele Begehrlichkeiten weckt. Zu #Mumbai, #AskIsrael und #nanonovel und natürlich auch zu Werbung, PR und Marketing auf Twitter werde ich noch ausführliche Einträge schreiben, aber beginnen möchte ich heute mit ein bißchen zusammengewürfelter Geschichte zum Nanoschreiben, Nanotexten oder Nanodichten.1

Was 2003 in ICMA umbenannt wurde, hieß einst FAPIA: Free Ads Paper International Association. Darin organisiert waren weltweit die sogenannten Offertenblätter, zeitungsähnliche Publikationen mit Schwerpunkt kostenlose private Kleinanzeigen. Diese waren für Geld an Kiosken und im Zeitschriftenhandel zu erwerben, bis die meisten dieser Blätter ab der Jahrtausendwende trotz oder gerade wegen rechtzeitig erfolgtem Enterhakenwurf ins Internet schließlich den Weg alles Analogen nahmen.

Praktisch alle der FAPIA angeschlossene Offertenblätter führten auch eine sogenannte »Kommunikationsrubrik«, in der pro Ausgabe — je nach interner Politik — pro Person drei, vier oder fünf kostenlose Kleinanzeigen mit Längenbeschränkungen in der Nachbarschaft von 200 bis 120 Zeichen aufgegeben werden durften. Wo formale und inhaltliche Regeln am wenigsten restriktiv gehandhabt wurden, entwickelten sich phantastische und phantastisch komplexe, knäuelförmige, verschachtelte und automatisch immer zeitversetzt parallel-plappernde2 Multiloge zwischen den »193ern« oder »41ern« oder wie die Teilnehmenden immer hießen, abhängig von der Nummer der Kommunikationsrubrik im Kategoriengefüge, gefüllt mit Trivialem und Praktischem, Philosophischem und Poetischem, Aggressivem und Romantischem und Spielerischem und Bitterernstem. Drei dieser Offertenblätter hielten über viele Jahre hinweg ihren Ruf aufrecht, FAPIA-weit die interessantesten Kommunikationsrubriken zu besitzen: Der Viz-a-Viz (oder so ähnlich, ich konnte mir nie merken, wie der geschrieben wurde) in Amsterdam, ein Blatt in Brasilien, dessen Namen ich leider vergaß, und Avis Rheinland mit Sitz in Düsseldorf — wo ich damals studienbegleitend dafür sorgen konnte, daß die Regeln auf der einen Seite so relaxed wie möglich waren, Übertretungen auf der anderen Seite aber schnell & hart geahndet wurden. Eine Kombination, die fast automatisch Qualität und Vielfalt garantierte :-)

Das heißt zunächst einmal: wenn Twitter der Untergang des Abendlandes ist, dann hat dieser Untergang schon etliche Jahrzehnte auf dem Buckel, die er dem Erodieren unseres humanistischen Kulturerbes und unserer Aufmerksamkeitsspannen in den Printmedien widmen durfte. Des weiteren heißt das: es gab immer eine überraschend hohe Anzahl von Leuten, die sich magisch davon angezogen fühlen, witzige, dramatische, praktische, romantische, philosophische, poetische oder sonstige Gedanken im Nanoformat zu formulieren.

Ein prominenteres und populäreres Beispiel sind Haiku, traditionelle japanische Gedichte, die aus 17 on, d. h. 17 phonetischen Symbolen bestehen (die können identisch sein mit »Silben«, müssen aber nicht). Selbst in alphabetisierender Romaji-Umschrift oder verfaßt in anderen Sprachen wie Deutsch oder Englisch passen Haiku mühelos in einen Tweet.

Der (postmoderne) Autor John Barth, der sich seiner eigenen Aussage zufolge redlich bemühte, Romane von einer Länge oder vielmehr Dicke zu schreiben, die ein horizontales Setzen des Titels auf dem Buchrücken ermöglichen, entwickelt in The Tidewater Tales einen Schriftsteller-Protagonisten, der seine Gedanken immer mehr und immer mehr verdichtet, bis dessen neuester Roman, beispielsweise, nur noch aus dem Wort »Olive« besteht. Wie William Pritchard es in seiner Buchbesprechung in der New York Times zusammenfaßte:

His “prolific minimalism” is such that he finds Shakespeare’s “Brevity is the soul of wit” “five-sixths too garrulous.” Most recently he has composed “The Olive” (he refers to it merely as “Olive”), which has been pared down, its narrative scaffolding removed until only the title remains and no literary magazine will publish it.
(Mr. Barth once titled a short story of his own “The Title,” but it appeared in his story collection Lost in the Funhouse.)

Was für alle Medien gilt, gilt auch für Twitter: Es kommt darauf an, was wir daraus machen. Dies kann bei Twitter von belanglosem Gezwitscher über Ambient Awareness (die ich in meinem Leben mittlerweile als immens wichtig und fast schon unverzichtbar empfinde) und persönlichen Kontakten quer durch die nicht bloß globale Nachbarschaft (Ashdod, New Haven, Melbourne, Mars) bis zu politischem Multilog, Kleinkunst oder großer Kunst im Kleinen reichen — plus diese enorme Vielfalt selbst, mit all den aufgezählten, unerwähnten und noch ungedachten Möglichkeiten.

Themen, mit denen ich mich in den kommenden Folgen zusätzlich zu den anfangs genannten Ereignissen noch beschäftigen werde. Und natürlich, ganz zum Schluß, auch mit der Hänschen- oder Gretchenfrage oder, in gewisser Weise, mit dem Elefant im Raum: Welche Möglichkeiten bietet Twitter im Bereich Werbung, Marketing und PR und was springt dabei heraus.

Fortsetzung folgt.

1 Mit Ausnahme des mittlerweile umbenannten Twitter-Accounts vom israelischen Konsulat sind alle dokumentierenden Links, die ich in diesem Absatz gelegt hatte, mittlerweile tot. Eine Schande. 
2 Nicht unähnlich dem Prinzip in Asimovs “My Son, The Physicist”
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3 Responses

  1. Und ständig sehe ich beim „Nanoschreiben“ und „Nanodichten“ einen Cybercowboy mit Weltraumnahrung vor seinem Laptop der 93. Generation sitzen und desinteressiert beobachten, wie aus seinem Bildschirm langsam Harrisons „Licht“ tropft …

  2. Ach je, immer muß ich neue Bücher lesen, um die Andeutungen schlauer Frauen zu verstehen! ;-) Ich gehe davon aus, daß Du dieses hier meinst … *J.

  3. „In der Tat“, sprach die gar nicht schlaue Frau, die weniger lesen sollte, damit sie nicht immer mit so viel Verspätung mit schlauen Menschen kommuniziert.

    Das Buch lohnt sich übrigens, wie ich finde.