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Der Sonntagskolumnentroll: Eine Fabel, nach alten Quellen neu erzählt von J. Martin

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Im Werbebloggerbeitrag »Abendblatt oder Frühpost?« [RIP] wurden aus Hölzchen Stöckchen und aus Stöckchen Stämme und aus Stämmen entsteht ja, wie wir wissen, sehr viel geduldiges Papier.

Unter anderem auch für solch grellgelben Unsinn wie den Artikel »Lauter Blogwarte«, der in der letzten Ausgabe der Sonntags-FAZ erschien. In welchem »Richard Wagner«, auch weithin unbekannt unter dem Kürzel »riw.«, Online-Communities im allgemeinen und Blogger im speziellen als hundesaugende Flöhe, halbgare Pöbler, arbeitsweltliche Asoziale und »Blockwarte« bezeichnet, die ihre »Lust an Denunziation und Diebstahl« in der Anonymität des Internets ausleben.

Leider läßt die FAZ ihre Artikel ja ganz zeitgemäß mit aufheulenden Motoren im Bezahlarchiv verschwinden — daher ist der Arm etwas zu kurz, um nachzufühlen, ob der dafür verantwortliche Kolumnentroll mit diesem Pamphlet schon am Faßboden kratzte oder ob es noch ein Stückchen tiefer geht.

Da »riw.« aber kein einfacher Kolumnentroll ist, sondern zur Untergattung der Sonntagskolumnentrolle gehört, lassen sich nun wirklich noch ein paar Zentimeter mehr erwarten. Und in der Tat! Mein Gedächtnis trügt mich nicht (meine Liebste stammt aus Siebenbürgen, und es gibt eine Reihe von Dingen, die ich mir lange merken kann): Ein guter Indikator dafür, was die Faßtiefe noch hergibt, ist dieser Artikel, in dem »riw.« vor fünf Jahren einen Heimattag der Siebenbürger Sachsen in der Sonntags-FAZ zum Anlaß nahm, seine Häme über die Volksseele als ganzes und als solches zu ergießen.

Nicht, daß ich persönlich Siebenbürgische Volksmusik besonders schätzte, ganz im Gegenteil — wenn ich Musik in Siebenbürger »Soxesch« mag, dann diese. Aber wir reden hier nicht von den multimillionenschweren Tonleitern der Marke »Mutantenstadl« (ein Begriff, dessen früheste Belege sich bis zum bekannten Brauchtumsforscher O. Kalkofe zurückverfolgen lassen), sondern um die Musik eines »extradeutschen« Volkes, dessen 800-jährige Geschichte im letzten Jahrhundert praktisch zu Ende ging, dessen Mitglieder über die ganze Welt verstreut sind und dessen Zusammenhalt an den prekären Fäden gemeinsam gepflegter Traditionen hängt.

Was das mit keinerlei Wissen um Land, Leute und Sprache oder gar Humor kontaminierte Gallengeschoß von »riw.« glücklicherweise etwas verständlicher und versöhnlicher erscheinen läßt, ist sein bescheiden angedeuteter linguistischer Genius, der ihn binnen weniger Minuten dazu befähigt, von einem in 800 Jahren sprachlicher Isolation weiterentwickelten mittelhochdeutschen Dialekt genau das zu verstehen, was er hören möchte.

Neben sorgsamer Recherche und sprachlicher Brillanz haben beide Artikel überdies auch thematisch einiges gemein. Hier wie dort ist das Thema Volksmusik das Sprungbrett, um nicht nur einzelnen Gruppen von Meinungsinhabern, sondern dem Volk an sich und als solches über den journalistisch unstudierten Mund zu fahren, sobald es in irgendeiner Form seine Existenz medial bekundet. Ein faszinierendes Demokratieverständis, das außerdem im Umfeld blockwartlicher Begrifflichkeiten mittels eines reductio at hitlerum-Argumentes auch Godwin’s Rule of Nazi Analogies berührt. Umgekehrt würde es niemandem einfallen, über »riw.« ähnliches zu behaupten — als geborener Sonntagskolumnentroll liegt der Posten des Kolumnenwarts eindeutig außerhalb der Schreibreichweite. Vermuten läßt sich allenfalls, daß »riw.« die guten alten Zeiten Attischer Herkunfts- und Reichtumsdemokratie schmerzlich vermißt.

Warum im Zeitraum zwischen dem Erscheinen dieser beiden Artikel nicht weitere Juwelen feinster Provenienz aus dem Hause »riw.« im Netz kursieren, ist übrigens dem Umstand zu verdanken, daß »riw.« laut Kurzbiographie zwischen 2004 und 2007 kurz seinen Schreibtisch verließ, um bei Bertelsmann etwas Geld für den Wochenendeinkauf abzuheben.

Kolumnentrolle sind, ebenso wie Sonntagskolumnentrolle, im übrigen eine Spezies, deren Exemplare viel öfter in einer an sich respektablen Publikation anzutreffen sind, und viel seltener in den Stollen einer Untertageszeitung, um dort mit ihrer Spitzhacke lupenreine und von intellektuellen Erwägungen ungetrübte Basisemotionen freizulegen. Aber für den etwas kultivierteren journalistischen Einreiher mit Krawatte, in den sie sich dafür zwingen müssen, werden sie durch das Sonnenlicht mehr als entschädigt — in dessen Glanz und Macht und Pracht sie baden, bis im Zuge eines der Photosynthese nicht unähnlichen Prozesses der eine oder andere Teil ihrer Anatomie schließlich über sich hinauszuwachsen beginnt.

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