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Doppelpunkt: Gedankenstrich — oder, Das Cry-Wolf-Syndrom

How Not to Be a Hack

How Not to Be a Hack

Wie Online-Journalistinnen und -Journalisten mit der einzigen Schreibtechnik, an die sie sich erinnern, ihre Texte und ihre Leserschaft zu Tode alarmieren.

Wenige Schreibtechniken werden im deutschsprachigen Raum gelehrt, noch weniger bleiben hängen: Unter letzteren findet sich aber fast immer die Methode, Sätze durch Doppelpunkt oder Gedankenstrich in kleinere und verdaulichere Einheiten zu zerteilen.

Im Prinzip ist dies eine gute Technik — und ein löbliches Unterfangen. Dies jedoch leider nicht im Übermaß: Jede Menge journalistischer Online-Texte geben im Kielwasser dieser Technik dem sprachwissenschaftlichen Begriff Overgeneralization eine syntaktische Dimension. In den 18 Teaser-Absätzen mit jeweils 4–5 Zeilen Text auf der Startseite von Spiegel Online in diesem Moment tummelt sich diese Technik sage und schreibe 21 Mal. In Dietmar Hipps »Wie das Rauchverbot die Verfassungsrichter ins Dilemma« stürzt, einem Artikel mit wenig wörtlicher Rede, wird diese Doppelpunkt-/Bindestrichtechnik 24 Mal bemüht. Das gleicht Schwellenabständen von 1,50 m in hysterisch verkehrsberuhigten Zonen.

Solche flächendeckenden Spielstraßen in Nachrichten- und Werbetexten verdanken wir dem Umstand, daß diese Technik die natürliche Faulheit fördert. Wird der Satz zu lang — ein Bindestrich schafft Abhilfe. Zur Abwechslung: Ein Doppelpunkt. Nicht zu vergessen: die Kombination — Bindestrich und Doppelpunkt als eleganter Tandem aus Pflanzkübel und Bodenwelle.

Was mich an diesem inflationären Gebrauch zusätzlich und ganz besonders stört, ist das unaufhörliche Wecken von Erwartungen. Doppelpunkte und Gedankenstriche in Berichten und Argumenten suggerieren das Unerwartete, versprechen das Überraschende, bauen einen Spannungsbogen auf. Doch das alles wird nur selten eingelöst — fast immer ist das Nachfolgende 100 % vorhersehbar. Und wer sich beim Schreiben eines Textes dutzende Male zu solch blinden Alarmen à la “Cry Wolf” hinreißen läßt, muß sich nicht wundern, wenn der Text es im entscheidenden Augenblick verfehlt zu fesseln.

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5 Responses

  1. Ich war gerade wieder auf spiegel.de und auch mir stößt die inflationäre Verwendung von Gedankenstrichen mittlerweile sauer auf, es langweilt und nervt einfach nur noch.

    Google hat mir gezeigt, dass es anscheinend auch anderen so geht. Sehr treffender Artikel, besten Dank dafür!!

  2. @Anonym Zunächst dachte ich, es wäre ein rein subjektiver Eindruck, daß es inzwischen schlimmer wurde. Aber eine erneute Zählung legt nahe, daß dem auch objektiv so ist.

    Zwar ist es nicht so, daß die schiere Menge an Doppelpunkten und Gedankenstrichen in den Teaser-Absätzen auf der Startseite von Spiegel Online noch einmal dramatisch angestiegen wäre (das geht ja auch kaum). Spürbar angestiegen aber ist die Menge der Absätze, die ihre ~200 Anschläge sowohl mit einen Gedankenstrich als auch mit einem Doppelpunkt ausrüsten.

    Von den 19 Teaser-Absätzen am heutigen Abend haben 7 sowohl einen Doppelpunkt wie einen Gedankenstrich, und ein 8. Absatz sogar einen Doppelpunkt und zwei Gedankenstriche auf engstem Raum:

    Großes aus der kleinen Schweiz: Sophie Hunger brilliert mit smartem Indie-Pop, der poetisch daherkommt — aber nie platt. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht die Sängerin über die Macht von Musikern und Medien, gibt einen Mini-Kurs in Schweizerdeutsch — und erklärt, warum Urlaub doof ist.

    »Stößt sauer auf, langweilt, nervt« bringt es auf den Punkt.

  3. @ gyokusai:

    Werden die Redakteure vielleicht angewiesen, den Artikeln mittels zusätzlicher Satzzeichen vermeintliche Brisanz zu verleihen? Ich könnte mir sogar vorstellen, dass extra jemand damit beauftragt wurde, die Texte nachträglich “anzureichern” – häufig sind die Zeichen einfach fehl am Platz: ganz wie in deinem Beispiel. :)

    Diese Unart trägt jedenfalls dazu bei, dass ich die Plattform zunehmend meide. Leider ist spiegel.de keine Ausnahme, ein zufälliger Blick auf sz.de offenbart die wahren Ausmaße. :/ In meinen Augen führt das nur einen weiteren Schritt in Richtung Boulevard und billige Effekthascherei. Wer weiß, in typografisch so “aufregenden” Zeiten wie dieser gesellt sich möglicherweise bald der VERSALSATZ dazu. Fürchterlich…

  4. Haha die Internetausgabe der Süddeutschen, ja die ist ja noch mal GANZ speziell … zu der fällt mir immer wieder eines meiner Lieblingszitate von Don Alphonso ein: »So wurde dann aus der respektablen Süddeutschen Zeitung im Internet die klickgeile Müllhalde, die sie heute ist.«