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Distribution, Präsentation, Konversation: Nachrichten-Design im 21. Jahrhundert

brave new texts

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Falls jemand ihn nicht kennen sollte: Khoi Vinh war bis vor kurzem der Design Director für die Online-Ausgabe der New York Times. »FREITAG am Donnerstag« ist eine “breakfast lecture series”, gemeinsam organisiert von FREITAG und swissmiss Tina Roth Eisenberg.

Vinhs Präsentation ist nicht spektakulär im landläufigen Sinne; interessant sind eine Reihe von Details, die sich zu einem Gesamtbild verdichten:


FREITAG am Donnerstag—Khoi Vinh (Sep 9, 2010)

Drei Schlüsselbegriffe fallen auf: Distribution, Präsentation, Konversation.

Distribution
Trotz oder vielleicht gerade wegen der intensiven Beschäftigung mit dem Thema vermochte mich die Begrifflichkeit zu überraschen. Andere Vokabeln, die im Zentrum der Debatte zum Nachrichtenjournalismus im 21. Jahrhundert stehen, sind häufiger und liegen näher: Geschäftsmodell, Monetarisierung, Umbruch, Medienwandel, Paywall, Online-Content, Produktentwicklung etc. pp. Aber die tatsächliche Lötstelle, die im Zuge der Internetisierung der Welt bereits bedrohlich nachgab und im Kontext von Social Media endgültig zu brechen droht, ist in der Tat »Distribution«. Das klingt erfrischend profan und insbesondere auch weniger aufgeblasen als der übliche Verbalbombast im Umfeld nicht nur der Reichsleistungsschutzgesetzdebatten. Aber dazu lenkt es den Blick auch aufs Wesentliche. Wenn der Nachrichtenjournalismus, wie wir ihn kennen, mit seinem Distributionsmodell steht und fällt und dieses Distributionsmodell im Zuge des Medienwandels im wahrsten Sinne des Wortes »historisch« geworden ist, ist der Nachrichtenjournalismus so, wie wir ihn kennen, nicht zu retten. Der Versuch, das moribunde Distributionsmodell mit einem Korsett totalitärer Copyrightkontexte künstlich aufrechtzuerhalten, wird jeden nativen Nachrichtenjournalismus in den Neuen Medien strangulieren und ihm effektiv die Luft abschnüren.

Präsentation
Ebenfalls sehr interessant, auf unspektakuläre Weise, sind Vinhs Ausführungen zum “presentation layer”. In analog distribuierten Medien spielt die Präsentationsebene eine große Rolle: visuelle Aufbereitung, spatiale Aufbereitung, Reihenfolge und Gewichtung, Makro- und Mikro-Layout, Makro- und Mikro-Typographie, Haptik und vieles mehr. In den Neuen Medien führt die Präsentationsebene aber zu einem Paradoxon. Die Präsentationsebene in den Online-Medien ist ebenso wichtig oder sogar noch wichtiger als in den analogen Medien, um Leserinnen und Leser zu den Artikeln und nicht zuletzt zu den artikelbegleitenden Werbeanzeigen zu bringen, sie dort so lange wie möglich zu halten und schließlich zum Wiederkommen zu bewegen. Dafür zeichnete Vinh bis vor kurzem verantwortlich für die Online-Ausgabe der New York Times. Das Paradoxon liegt nun darin, daß alle diese Mühen gleichzeitig notwendig und sinnlos sind im Zuge der dritten Phase der Social Media-Revolution. In dieser dritten Phase, dem Aufstieg von Twitter und anderen Micro-Streams, den Micro-Blogs und Mini-Feeds und nicht zu vergessen Klassiker wie RSS-Reader und Volltext-Aggregatoren, wird der Nachrichteninhalt komplett herausgelöst aus seiner Präsentationsebene und entweder »nackt« (wie in RSS-Readern) oder mit einer neuen Präsentationsebene versehen (wie bei Flipboard) in die Streams des Social Web integriert und dort zur Verfügung gestellt. Dieses Paradoxon ist, genau betrachtet, letztendlich auch wieder ein Distributionsproblem — ein weiteres Indiz dafür, daß das klassische Modell des Nachrichtenjournalismus möglicherweise nicht zu retten ist.

Konversation
Zu guter Letzt mein Steckenpferd: “Content isn’t king. Conversation is king. Content is just something to talk about.” Dies gilt nicht nur generell für Texte im Netz vom privaten Tweet bis zum Corporate Publishing, sondern auch für Nachrichten. Khoi Vinh ist da klar und deutlich:

Analog media is a document. Digital media is a conversation.

Dem läßt sich kaum etwas hinzufügen. Reichsleistungsschutzgesetze, totalitäre Copyright-Kontexte, Paywalls, Rechtsanwaltsarmeen und DMCA/Abmahn-Blitzkriege können vielleicht das Dokument am Leben halten, jedoch nur mit der blutigen Unterdrückung der Konversation als Kollateralschaden. “Digital media is a conversation” bedeutet letztendlich, daß in den Neuen Medien Nachrichten ohne Konversation keine Nachrichten sind. In letzter Konsequenz kann daher der Versuch der Verlage, das »Dokument« für ihr traditionelles Geschäftsmodell zu retten, dann und nur dann erfolgreich sein, wenn jede aktuelle und zukünftige Form eines nativen Nachrichtenjournalismus in den Neuen Medien erfolgreich unterdrückt wird.

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