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No Trouble with Tribbles: Die Verschlauwortung von Blogeinträgen

* purr *

* purr *

Wer schon einmal, beispielsweise in Bibliotheken oder universitären Zusammenhängen, mit Verschlagwortung in Berührung kam, hat sicherlich eine Idee davon bekommen, wie schwierig es ist, komplexe Texte mit einer Handvoll sinnvoller Stichwörter zu beschreiben.

Die Wichtigkeit und Tragweite einer solchen Indexierung ist und war enorm. Vor der Einführung computerisierter Volltexterfassung spiegelte, überspitzt formuliert, ein Index den zugänglichen Forschungsstand: Was nicht oder nicht richtig oder nicht vollständig verschlagwortet war, konnte praktisch nicht wahrgenommen werden. Dementsprechend wurde viel Sorgfalt und Mühe dafür aufgewendet, und dazu zählte nicht zuletzt auch das Schaffen von Schlagwortlisten, die auf der einen Seite ein kontrolliertes Verschlagworten, auf der anderen Seite ein kontrolliertes Suchen ermöglichten. Das tun sie nach wie vor, aber heute natürlich in elektronischer Form.

Wer regelmäßig bloggt und sich nicht von Anfang an haargenau überlegt hat, unter welchen Schlagworten — Kategorien, Tags, Labels — die zukünftigen Einträge einzusortieren sind, stellt rasch fest, daß diese sich nach einer gewissen Anlaufzeit plötzlich explosionsartig vermehren wie die Tribbles. Schließlich schlagen sie dann wieder ein langsameres Wachstumstempo ein, das jedoch von zunehmend sinnlosen Zuordnungen begleitet wird: denn bei neuen Einträgen wird nun zunächst im Tag-Pool nach halbwegs Passendem mit hoher Unschärfe gefischt. Und spätestens ab diesem Zeitpunkt gilt: Eine sinnvolle Suche für eine Referenzierung ist praktisch nicht mehr möglich und die Tag-Liste oder -Cloud sorgt nur noch für eine vollgestopfte Marginalienleiste, in der wichtigere Informationen untergehen.

Bei vielen Blogs ist das prinzipiell egal, und es gibt ja auch noch die Möglichkeit der blogweiten Volltextsuche. Aber die Volltextsuche stößt auf das oben angesprochene Problem, daß in der Abwesenheit sinnvoller Schlagwörter auch eine sinnvolle Suche nicht wirklich möglich ist. Ich kann zwar in einem Blog auf gut Glück nach Begriffen suchen, die mich interessieren, werde dadurch in der Regel aber nicht auf die wirklich neuen und interessanten Sachen stoßen, die möglicherweise über Jahre auf einem Blog erschienen sind: ich kann nicht nach etwas suchen, von dem ich nicht weiß, daß es existiert. Des weiteren, und das gilt insbesondere auch für Corporate Blogs, sollten Blogeinträge ja auch ein Gesamtbild ergeben, eine Entwicklung aufzeigen, Informationen bereitstellen und ganz allgemein einen Mehrwert enthalten, der über das im letzten Blogeintrag Geschriebene hinausgeht. Eine präzise Information und ein durchdachtes Argument sind präzise und durchdacht immer nur im Kontext, und zu diesem Kontext gehört in der Regel die Geschichte ihrer Herkunft. Wenn schon sonst niemand auf ältere Beiträge zugreift, sollte zumindest ich selbst dazu in der Lage sein, in einem neuen Beitrag auf wichtige und verwandte Beiträge zu referenzieren. Und ohne mich dabei totzusuchen oder darauf zu hoffen, daß Google meinen Kopf sortiert.

All das spricht dafür, Schlagworte, Kategorien, Tags zu konzipieren und sich jede Erweiterung genau zu überlegen und diese kontrolliert vorzunehmen statt ad hoc. Wird ein Blog auf solche Art verschlaugewortet, stellt sich auch noch ein ganz anderer Vorteil ein: Die Gefahr, den Fokus zu verlieren und zu einem Blog zu degenerieren, das drei Viertel aller Einträge damit verbringt, a) Meldungen aus der großen weiten Welt der Interwebs zu reproduzieren, die b) das ursprüngliche Blogthema nur vage streifen oder c) einfach nur irgendwie lustig sind, wird dadurch schlagwortartig reduziert.

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