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Die Wissenschaft vom Geschichtenerzählen

Psychologischer Realismus

Psychologischer Realismus

Mitreißende Geschichten sind selten »realistisch«, zeichen sich aber durch »psychologischen Realismus« aus, der auch für Werbung wichtiger ist als Kreativität.

Einige der Projekte und Forschungsergebnisse, die Jeremy Hsu in seinem Artikel “The Secrets of Storytelling: Why We Love a Good Yarn” für Scientific American erwähnt, finde ich interessant, andere zweifelhaft, wieder andere banal (oder zumindest unbeholfen beschrieben).

[Note: Der Artikel ist mittlerweile hinter der Bezahlwand verschwunden, aber ein Clone findet sich hier.]

Ich bin nicht der größte Fan auf der Welt von Steven Pinker, sollte ich hinzufügen — auch wenn, oder gerade weil, ich seine Bücher mit Interesse lese. Meine Probleme mit Evolutionspsychologie sind unter anderem, daß dieser frische Forschungszweig a) sich viel zu wichtig nimmt, b) Räder neu zu erfinden versucht, auf denen die Geistes- und Sozialwissenschaften längst solide Karosserien aufgebaut haben und c) hemmunglosen Gebrauch macht von post hoc, ergo propter hoc-Argumentation. Mein Lieblingsbeispiel ist David Buss, der es in einem Gespräch mit Richard Dawkins lediglich für eine Frage der Zeit hält, bis die psychologischen und soziologischen Zweige und Fakultäten endlich eingesehen haben, daß sie alle bloß Unterabteilungen der Evolutionspsychologie sind. Ja, klar, und für mich bitte noch ein Weizen.

Zurück zum Artikel:

However narrative is defined, people know it when they feel it. Whether fiction or nonfiction, a narrative engages its audience through psychological realism—recognizable emotions and believable interactions among characters. [meine Hervorhebung]

“Everyone has a natural detector for psychological realism,” says Raymond A. Mar, assistant professor of psychology at York University in Toronto. “We can tell when something rings false.”

Geschichtenerzählen in der Werbung reicht nicht — es müssen plausible Geschichten sein. Die Pseudo-Storys, mit der uns beispielsweise Fernsehwerbung unaufhörlich flächenbombardiert, sind so synapsenlähmend unecht, daß wir die Nadel unseres eingebauten Bullshit-O-Meters schon nach dem ersten Werbeblock zu Grabe tragen können.

“Psychological realism” ist natürlich nicht zu verwechseln mit “Realism” — weder die Ilias noch Casablanca (der schon gar nicht!) noch so geniale Spots wie Scotts 1984 für Apple oder der 1994er Creek für Levis 501 zeichnen sich irgendwie durch »Realismus« aus. Psychologischer Realismus ist etwas völlig anderes.

Und das ist exakt das, worauf wir beim Texten und Entwerfen von Geschichten hinarbeiten sollten. Weil es verkauft. Und weil die Chance, mitreißende Storys mit überzeugendem psychologischen Realismus durch Freigabeflaschenhälse im mittleren Management zu zwängen, ohne dabei in einen axtmordverdächtigen Blutrausch zu verfallen, ungleich größer ist als dies zu versuchen mit lediglich »kreativem«, umh, Bullshit.

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