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Nach dem Sprung ist vor dem Sprung

brave new texts

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Neulich schrieb ich über die Gründe, warum ich das Verfassen eines originalen Inhalts für den RSS-Feed für die beste Lösung halte. Als zweitbeste Lösung empfahl ich den vollständigen Eintragsinhalt anstatt des ersten Absatzes oder einer definierten Anzahl an Zeilen oder Worten.

Damit geht einher die Empfehlung, auch den vollständigen Eintragsinhalt auf die Blog-Startseite zu stellen. Hier kommt, warum.

Zwei Gründe. Der erste ist trivial: Ein Klick macht nicht nur Arbeit, sondern scheint auch Entscheidungsenergie zu verbrauchen1. Es ist einfacher, weiterzulesen, bis zum Ende oder bis das Interesse sich verflüchtigt, als zu klicken und wieder zurückzukehren. Und der Rückkehrklick läuft zudem Gefahr zu unterbleiben, wenn der ganze Eintrag nicht hielt, was der erste Absatz versprach. Denn ich verspreche ja gewissermaßen, daß die Arbeit des Weiterklickens belohnt wird, und wie soll ich das wohl einhalten mit wirklich jedem meiner Einträge, für jede Leserin und jeden Leser?

Der zweite Grund ist komplexer. Oberflächlich erscheinen die beiden Aufgaben, zum Weiterklicken oder zum Weiterlesen zu bewegen, deckungsgleich. Dies ist ein Irrtum sowohl aus der Schreib- wie auch der Leseperspektive. Der erste Absatz muß in die Copy führen wie eine Lunte, die in der Headline angezündet wurde. Dies läßt sich oft erreichen mit einer Kombination aus Versprechen und dem stärksten Argument. Diese Energie würde verschwendet, weil das Weiterklicken hier bereits den »Knall« darstellt in Form eines Zerschneidens eben jener Zündschnur, die dann im Anschluß auf der neuen Seite mühsam wieder angezündet werden muß.

Beim Lesen wiederum wird der einleitende Absatz in der Tat nur als Anreiz zum Weiterklicken statt als kraftvolles Sachargument empfunden, welches hiermit verfrisselt und verstirbt.

Nach dem Sprung passiert sogar noch Schlimmeres: Entweder fehlt dort der Teaser-Absatz, und der Anschluß geht ebenso wie die Kohärenz verloren, oder der erste Absatz wird wiederholt und muß noch einmal überflogen werden bis zu dem Punkt, wo es dann weitergeht. Das einzige, was hier noch knallen könnte, ist die Ungeduld.

Daher: Vollständige Einträge auf die Blog-Startseite, vollständige Einträge in den Feed. Denn sonst wirkt das ganze dann etwa so:

Den Zorn singe, Göttin, des Peleus-Sohn Achilleus,
Den verderblichen, der zehntausend Schmerzen über die Achaier brachte,
Und viele kraftvolle Seelen dem Hades vorwarf
Von Helden, sie selbst aber zur Beute schuf den Hunden
Und den Vögeln zum Mahl, und es erfüllte sich des Zeus’ Ratschluß —
Von da beginnend, wo sich zuerst im Streit entzweiten
Der Atreus-Sohn, der Herr der Männer, und der göttliche Achilleus.

(Weiter nach dem Sprung.)

1 Caveat: Ob das “Decision Fatigue”-Phänomen tatsächlich in dieser Form existiert, wird mittlerweile kritisch gesehen und weiter untersucht. 
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