In einem Zeitalter, in dem ein Facility-Manager die Türen ölt, der Vision-Clearance-Engineer die Fenster putzt und dank dem Domestic Engineer das Abendessen auf dem Tisch steht, sollte man meinen, dass wir alle ein erfülltes und glückliches Berufsleben führen. Das Gegenteil scheint allerdings der Fall zu sein, wenn man einer Studie der Universität Duisburg-Essen Glauben schenkt.
“Winning ain’t everything, winning it’s d only thang”!
Vom Bauch im mittleren Management und möglichen Diäten
Ein Gastbeitrag von Adrian Berger
Besonders im Bereich des so genannten mittleren Managements hat sich eine hohe Unzufriedenheit mit der Berufssituation eingeschlichen. Oft wird in diesem Zusammenhang auch von einem „Bauch“ in der Hierarchien-Pyramide gesprochen. Ein Bauch, gefüllt von »Sandwich-Managern« mit »Pseudo-Titeln«. Aber was bleibt einem auch anderes übrig in einer Leistungsgesellschaft, in der nur der erste Platz von Bedeutung ist – und dieser, ironischerweise, nur einmal vergeben werden kann?
Was genau ist nun mit diesem Bauch im mittleren Management gemeint? Die meisten Unternehmen, denen wir im Alltag begegnen werden, weisen (noch) eine recht starre hierarchische Struktur auf: Oben sitzt der Chef, der stufenweise die Macht und die Befugnisse nach unten delegiert. Im Optimalfall verläuft dieses Modell pyramidenförmig. Nach unten hin gibt es immer mehr Mitarbeiter, die immer weniger Weisungsbefugnisse haben. Gleichzeitig nehmen die ausführenden Tätigkeiten stetig zu und nach oben hin ab. Nun kommt es allerdings häufig zu dem Phänomen, dass wesentlich mehr Mitarbeiter die Karriereleiter empor klettern wollen, als die nächste Etage an Platz zu bieten hat. Zudem haben wir es oft auch mit einer Art »Beförderungskultur« zu tun, die gute Arbeit ebenfalls mit einem Aufstieg in der Pyramide belohnt.
Das Klettern hat allerdings spätestens ab dem mittleren Management ein Ende. Ein weiterer »Massenaufstieg« ist in den meisten Fällen schlicht zu gefährlich und zu teuer.
Die Folge: Das mittlere Management wird künstlich aufgebläht, neue Titel werden geschaffen und eine kurzfristige Zufriedenheit kehrt ein. Weitere Folgen: Als mittlerer Manager bin ich eventuell in einer Position, die nicht meinen Qualifikationen oder meinen Talenten entspricht. Vielleicht habe ich einen Aufstieg nur aus Prestige-Gründen und für eine Gehaltserhöhung angestrebt (die von der neuen Steuerklasse aufgefressen wird). Von unten wird nun genörgelt und von oben bekomme ich Druck. Anstatt das zu tun was ich kann und was mir spaß bereitet, bin ich jetzt eventuell an den Schreibtisch gekettet, gefangen im eigenen Büro. Nur meine Gattin ist glücklich, denn sie sieht mich nun weniger und kann von ihrem erfolgreichen Mann berichten.
Meiner Meinung nach ist gerade die vermeintliche Ausweglosigkeit einer solchen Situation, die vertikale Sackgasse, der Nährboden auf dem die Volkskrankheit “Burnout” besonders gut gedeiht.
Natürlich gibt es bereits einige Ansätze und Ideen, um diesem Dilemma entgegenzutreten. Einige werden auch bereits relativ erfolgreich praktiziert. Es werden flachere Hierarchien oder gar eine Enthierarchisierung angestrebt. Man arbeitet beispielsweise projekt- und netzwerkbezogen gemeinsam in einem Team. Ab einer gewissen Größe oder in bestimmten Branchen sind allerdings, meiner Meinung nach, Hierarchien nur sehr schwer zu umgehen. Vielleicht liegt das Problem tiefer und an anderer Stelle.
Ich bin sicher als Student des Medienmanagements nicht gerade prädestiniert, unser bestehendes System auf den Kopf zu stellen. Ich glaube aber, dass ich es reinen Gewissens hinterfragen darf.
Es ist noch nicht einmal das hierarchische Karriere-System, welches mir Kopfschmerzen bereitet, sondern vielmehr die Werte und Vorstellungen, die uns suggeriert werden und von denen sich die wenigsten (mich einbezogen) wirklich befreien können.
Ich möchte noch einmal auf die Lyrics von Snoop Dogg zurück kommen: “Winning it‘s d only thang”. Diese Ideologie, die mir in stärkster Form in den Vereinigten Staaten begegnet ist, impliziert im Grunde, dass 95% der Bevölkerung unzufriedene Loser sind, deren Aufgabe unter anderem darin besteht, das mittlere Management zu füllen.
Wir lernen es immer früher. Schon beinahe im Säuglingsalter. Mir scheint es, als ob der Trend dahin ginge, dass man das Neugeborene aus dem Kreißsaal, über ein Fließband, direkt in die KiTa transportiert. Dort möge es sofort lesen und schreiben lernen und ein effektiver Arbeiter für unsere Maschinerie werden. Die Langzeitschäden werden an dieser Stelle natürlich wieder einmal nicht beachtet. Die Leistungsoptimierung geht weiter in der Schule, im Sport, der Uni und im Beruf.
Ich möchte an dieser Stelle nicht falsch verstanden werden. Mir liegt nichts ferner als Gleichmacherei. Ich halte den Wettbewerb sogar für förderlich und vor allem für ur-menschlich. Ebenso sehe ich das Streben nach Perfektion, nach dem Besonderen und nach dem Überschreiten von Mittelmäßigkeit, als eine Tugend an. Bezogen allerdings auf jene Tätigkeiten, die man am besten beherrscht und die einem liegen. Und eben nicht nur der Karriere wegen, oder aus Machtgelüsten und Prestige-Verlangen heraus.
Paradoxerweise paart sich unser Streben nach Wachstum und Leistung mit einem schwachen Schulsystem, welches sich meiner Meinung nach immer drastischer verschiebt. Gefühlt wird die Hochschulzugangsberechtigung immer leichter und demnach der Hauptschulabschluss bedeutungslos. Dies hat wiederum zur Folge, dass ich als fertiger Akademiker erst einmal drei Jahre unbezahlte Praktika in Kauf nehme oder eben gleich als Taxifahrer anfange.
Es ist gut möglich, dass auch ich Management studiere aus gesellschaftlich geprägten Gründen. Ich werde es wohl nie erfahren. Es ist ebenfalls denkbar, dass mir eines Tages der Mut für Entscheidungen fehlt, da Verlustängste den Blick für mögliche Alternativen versperren.
Eventuell werde ich eine starre Hierarchie akzeptieren, denn wer sägt schon gerne an jenem Ast, den man zu erklimmen versucht?!
Zähneknirschend werde ich vielleicht in meinem Middle-Management-Büro auf diesen Blog stoßen und mir meine Situation schön reden.
Aber eigentlich möchte ich mir Folgendes vor Augen halten, so pathetisch es auch klingt: Auf das Essenzielle reduziert, geht es für mich in diesem Leben eigentlich nur darum, glücklich zu sein.
Für manch einen mag das tatsächlich darin bestehen eine steile Karriere zu absolvieren, andere wollen einfach nur jedes Jahr in den Sommerurlaub.
Ich wiederum möchte etwas kreieren, ein paar Fußspuren hinterlassen und mir am Sterbebett nicht vorwerfen müssen, dass ich nichts getan habe, außer Luft zu verbrauchen und hochtrabende Blogposts zu verfassen.
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