a writer's blog

Was Ulrich Clauß in der Welt eigentlich sagen wollte

(click to embiggen)

click to embiggen

Eine Parodie des Leitartikels »Das Internet als Kampagnenmaschine und Desinformationsquelle: Im Schleppnetz der Freiheit« von Ulrich Clauß, Die Welt, 8.11.08.

Fast untergegangen im Schatten so robuster Konkurrenz wie von Andrew Keen oder »riw.« ist der Leitartikel-Ausfall gegen das Internet im allgemeinen und Blogger im besonderen von Ulrich Clauß in der Welt vom 8. November:

Das Internet als Kampagnenmaschine und Desinformationsquelle: Im Schleppnetz der Freiheit von Ulrich Clauß

Dieser »Blogger-an-den-Pranger!«-Trittbrettfahrer wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn nicht aus obskuren Quellen (gehostet auf einer Internet-Präsenz unter der für viele Medienmenschen oft selektiv unzugänglichen Top Level Domain .satirica) ein Artikel aufgetaucht wäre, der dem von Ulrich Clauß bis hinunter in die syntaktischen Details verblüffend ähnlich ist! Zwei Welten ein Gedanke? Oder eine Parodie? Und wer parodiert hier wen? Wir wissen es nicht. Aber als sogenanntes Blog in den Interwebs stellen wir das geheimnisvolle Original-Dokument natürlich gerne zur Verfügung, so daß sich alle selbst eine Meinung uh, Moment … na ihr wißt schon.

Enjoy!

Leitartikel: Die Boulevardzeitung als Kampagnenmaschine und Desinformationsquelle
Im Schleppnetz der Schwesterzeitung

von Caucus Shrill

Eine stehende Redewendung lautet: »Das hab ich aus der Bild«; so hört man es immer öfter im Alltagsgespräch. Gerade so, wie man etwas »im Fernsehen« gesehen oder »in der Zeit, taz, FAZ« gelesen hat, dient der Bezug auf »die Bild-Zeitung« als sich selbst genügender Herkunftsnachweis für etwas, das auch völlig aus der Luft gegriffen sein kann. Und tatsächlich ist oft genau dies der Fall.

Unter einer hauchdünnen Schicht redaktionell abgesicherter oder tatsächlich von Nachrichtendiensten wie dpa oder Reuters eingekaufter Informationen besteht der weitaus größte Teil der Bild-Zeitung und anderer Boulevard-Blättchen aus anonymem Meinungswissen, Gerüchten, übler Nachrede und mehr oder weniger professionell organisierter Desinformation. Über 90 Prozent aller Schlagzeilen auf der Titelseite beispielsweise — immerhin die meistgelesensten Artikelüberschriften in Deutschland — sind nach Expertenmeinung reißerisch und emotional aufputschende Fragmente oder Schlimmeres, die im Artikel selbst wieder relativiert werden. In der Summe sind die in der Bild-Zeitung bereitgestellten Inhalte so authentisch wie das Stimmengewirr aus einer defekten Gegensprechanlage. Dabei kann durchaus Interessantes aus Privatwohnungen auf die Straße dringen — das einzige gesicherte Faktum ist aber lediglich die Faktizität des Geräusches selbst.

Die Instanzenfeindlichkeit der Bild-Zeitung, die, als vom Presserat meistgerügte Zeitung seit Einführung der Statistik, sich auch dieses Jahr wieder hervortat durch »unangemessen sensationell[e]« Darstellungen, durch die das Opfer durch die Schreibweise »zum Objekt, zu einem bloßen Mittel herabgewürdigt« wurde, geht einher mit ihrer nach wie vor ungebrochenen politischen Wirkmacht.

Eine Schlüsselrolle spielen dabei sogenannte Leitartikel. Das sind marktschreierisch aufgemöbelte Artikel, die suggerieren, daß sie irgendetwas Bedeutsames zu sagen hätten, und die in Wahlkämpfen versuchen, eine Schlüsselrolle bei der Meinungsbildung einer ganzen Nation zu spielen. Die Bild-Zeitung kann auf diese Weise Abermillionen von Menschen und ohne Umweg über den klassischen Journalismus erreichen. […] Klassische redaktionelle Verarbeitung und handwerklich regelgerechte Präsentation von Information ist so oft erst möglich, wenn die »Information« auf diese Weise längst verbreitet ist. Die Quelle wird zum Sender selbst, professioneller Journalismus ist nur in Gestalt einer Art Theaterkritik der Boulevard-Zeitungen möglich. Dies ist eine sehr bedenkliche asymmetrische Publizistik, die von den Apologeten der Boulevardzeitschriften unter dem Fähnlein »investigativer Journalismus« aber weiterhin beklatscht wird. Die klassischen Medien werden so zu Beobachtern von Informationsvorgängen degradiert, für die sie normalerweise gestaltend zuständig — und zur Verantwortung zu ziehen — sind. Mit dem Verlust jeder Filter- und Prüfungsautorität kommen dieser Art der Medienkultur auch alle Korrekturfunktionen abhanden: Dergestalt gesetzte Informationen sind zum Beispiel praktisch nicht mehr dementierbar.

Zu welcher Verwilderung der Sitten diese Art des Pseudo-Journalismus führt, zeigen jüngste Beispiele solcherlei »sensationsgenerierter« Medienwirtschaft. In den ungeprüften Aussagen der Bild-Zeitung konnte jüngst ein Politiker der Jungen Union, der sich in Sozialprojekten für Integration engagierte und für das Anti-Nazi-Blog der Zeit, den »Störungsmelder«, schrieb, ungeprüft angeklagt werden, den »Oberkörper mit Hakenkreuzen beschmiert« und »wüste Nazi-Parolen« geschrien zu haben. Die Karriere des JU-Politikers brach prompt kurzfristig um knappe 90 Prozent ein. Die Urheber haben sich wahrscheinlich mit dem Zeitungsverkauf eine goldene Nase verdient. Während die Bild-Zeitung ihre — erwiesenermaßen zu Unrecht — aufgestellte Behauptung hinsichtlich der mit Hakenkreuzen beschmierten Oberkörper zum »Übermittlungsfehler« erklärt haben soll, fehlt dem Betroffenen jeder Ansprechpartner, um sich zu wehren. Die Verluderung der Boulevardzeitungssitten greift sogar dort um sich, wo das Persönlichkeitsrecht anerkannt über dem Medieninteresse steht. So veröffentlichte die Bild-Zeitung entgegen klaren Vorgaben des Pressekodex’ ein weiteres Mal unverpixelte Photos von der »Tiefkühlmörderin« im Netz. Und selbst in der gedruckten Zeitung wurde beim ersten Mal so weit gegangen.

Zeitungen haben viele Freiheiten, und die Schleusenwärter der analogen Medienwelt sind sicher nicht unfehlbar, aber es wird Zeit, dass der rasanten Dynamik der Boulevard-Presse endlich die längst bestehende Ethik des Pressekodex’ folgt.

Share

Tagged as: ,