Sprachtheater

brave new texts

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Erinnert sich jemand an den kleinen Terrorbeutel, der auf Kindergeburtstagen immer die Regeln für alle Spiele bestimmen wollte und sich aufs Hänseln und Vorführen verlegte, wenn andere ein Spiel anders spielen wollten oder anders kannten? Genau, die Rede ist von Bastian Sick von des Spiegels Sprachnörgelkolumne, dem in letzter Zeit glücklicherweise zunehmend Wind entgegenschlägt von all den Kindern, denen dämmert, daß Sick von Sprache ungefähr so viel versteht wie LOLCats vom Computerbau. Aber neben immenser linguistischer und sprachhistorischer Ignoranz pflegt Sick ja in diesem Rahmen noch ein zweites Hobby, und dieses wußte bislang niemand so treffend zu umreißen wie Hartmut El-Kurdi kürzlich in der taz (Tip o’ the Hat to Viola Voß via Bremer Sprachblog):

Korrektes Deutsch ist durchaus eine feine Sache. Vor allem für Menschen, die ihr Geld mit Schreiben verdienen. Sehr unfein ist es aber, wenn man sein Geld mit der Produktion von Büchern verdient, deren einziger Nutzwert darin besteht, halbgebildeten Wichtigtuern zu einer Gelegenheit zu verhelfen, andere Menschen auszulachen. Genau das macht Bastian Sick. Das Schlimmste daran ist aber, dass er auch noch behauptet, seine denunzierende, altkluge Erbsenzählerei wäre „lustvoll“ und „unterhaltend“.

In seinem Buch Sprachwandel: Von der unsichtbaren Hand der Sprache schreibt Rudi Keller, der Mann meiner langjährigen Lektorin und guten Freundin (dies als “Disclosure”, mehr dazu gleich):

Die typische Form, den Wandel der Sprache wahrzunehmen, scheint darin zu bestehen, ihn als Verfall zu erleben. Ist es nicht merkwürdig, daß unterschiedliche Verfallstheoretiker seit mehr als 2000 Jahren immer wieder den zunehmenden Verfall ihrer jeweiligen Muttersprache beklagen, ohne je ein Beispiel für eine tatsächlich verfallene Sprache vorweisen zu können? Es scheint auch niemanden zu geben, der bereit wäre, den Verfall seiner eigenen individuellen Sprache zu bedauern: „Ach, was schreibe ich für ein verkommenes Deutsch im Vergleich zu meinen Großeltern!“ Sprachverfall ist immer Verfall der Sprache der anderen. Das sollte stutzig machen.1

Rudi ist nicht nur sehr nett und ein hervorragender Koch und Hochschullehrer, sondern auch ein international renommierter Sprachwandelforscher. Sein Buch empfehle ich zur Förderung des Verständnisses von Sprache und Sprachwandel, aber auch als wissensgeführte Fliegenklatsche für des kleinen Terrorbeutels ausgestreckten Zeigefinger: wer es liest, wird sich nie wieder auf einem Kindergeburtstag ob anderer oder neuer Regeln schämen müssen!

1 Keller, Rudi. Sprachwandel: Von der unsichtbaren Hand der Sprache. Tübingen: UTB, 1990. S.19. 
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linguistik, text & sprache

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