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Gastbeitrag: Knowledge Management — Über die Sichtbarmachung von Verborgenem

Digitale Rekonstruktion

Die zukünftige Welt ist eine digitale – unsere physische Welt wird gegenwärtig wie eine gigantische Blaupause digital rekonstruiert. Doch hinkt die Rekonstruktion in manchen Bereichen überraschend zurück. So auch in der Wirtschaft.

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Knowledge Management

Über die Sichtbarmachung von Verborgenem

Ein Gastbeitrag von J. S.

Das private Leben der Menschen wird mehr und mehr digitalisiert; ob man bereits von Avataren sprechen möchte oder nicht – evident ist, dass sich das Internet zweifelsohne als die ultimative (mediale) Prothese des Menschen herausgestellt hat. Das Aktionspotential des Menschen beziehungsweise seines Avatars in der digitalen Welt wird stetig größer. Doch beschränkt sich diese rasante Entwicklung bis dato quasi ausschließlich auf die private Welt eines jeden; der wirtschaftliche Arbeitskontext erscheint in dieser Hinsicht gegenwärtig beinahe zurückgeblieben – oder zumindest enorm träge. Dies sollte verwundern, geht es hierbei doch um nichts Geringeres als die ohnehin unvermeidlich anstehende Entkoppelung der Unternehmen von ihrer physischen Existenz – um ihre Digitalisierung. Was im Privaten bereits passiert (ist), muss in der Wirtschaftsrealität noch folgen.

Doch was impliziert Digitalisierung in diesem Zusammenhang genau? Es geht zunächst um die Frage, wie ein Unternehmen auf die digitale Ebene zu übertragen sein kann. Man könnte Digitalisierung im Kontext der Arbeit (in Unternehmen) gewissermaßen als „architektonische Ausgestaltung der digitalen Entsprechung eines Unternehmens“ verstehen. Dazu würde es gelten, das Unternehmen zu erfassen und Möglichkeiten zu seiner digitalen Abbildbarkeit zu finden.

Und an dieser Stelle setzt das nach wie vor fundamental unterschätzte »Knowledge Management« – mehr oder minder ungewollt – an und beschert der Wirtschaft die vielleicht größten Effizienzpotentiale seiner gesamten Geschichte. Denn auf der Suche nach einem sinnvollen Referenzsystem für die digitale Abbildbarkeit von Unternehmen erweist sich das von der unternehmerischen Praxis plump als »immaterielles Gut« deklarierte Wissen beziehungsweise dessen inhärente Einzelinformationen als produktivstes aller möglichen Referenzsysteme. Ein digitales Abbild des reinen Gebäudekomplexes einer Firma etwa wäre beispielsweise nur sehr bedingt produktiv. Allein um der Komplexität und der Eigenart eines Unternehmens beziehungsweise seinem spezifischen Geschäftsmodell gerecht werden zu können, bedarf es seiner Betrachtung als ein »Wissenskomplex«. Knowledge Management ist und wird das Instrument zur (Re-)Konstruktion des digitalen Spiegelbildes von Unternehmen. Doch so plausibel dieses Konzept auch klingen mag, und so viele optimistische Anhänger es auch haben mag, so viele Hürden hat es auf dem Weg zu seiner Realisation letztlich auch zu meistern. Denn was hierfür in den Wissenschaften, aus denen sich der Spezialdiskurs des Knowledge Managements speist, geleistet werden muss, ist von monumentalem Ausmaß. Man wird dabei zwingend an die Grenzen der Ratio geraten und sich der Erfordernis wahrhaft transzendentaler Einblicke hinter bisher erkannte (Denk-)Strukturen stellen müssen. Wird am Beispiel der Computerlinguistik in erster Linie schnell deutlich, wie groß die Herausforderungen innerhalb einer der gefragten Wissenschaften sind, so ergibt sich aus jener Erkenntnis ebenso schnell, dass eine Verknüpfung der einzelnen Kompetenzgebiete die individuellen Herausforderungen faktisch multipliziert und damit den Komplexitätsgrad drastisch erhöhen wird – schlussendlich aber zur Erschaffung valider und praktikabler Konzepte zur digitalen Wissensrepräsentation absolut unerlässlich ist. Worum es also gehen wird, und das wohnt diesem gesamten Vorhaben des Knowledge Managements unweigerlich inne, ist die Sichtbarmachung von Verborgenem. Die Abbildung der Infrastruktur unseres Denkapparates. Denn solange dies nicht gelingt, wird auch der Folgeschritt zur Abbildung von Unternehmen nicht adäquat gelingen können. Erst die Sichtbarmachung verborgener Denkstrukturen wird es zur Gänze möglich machen, die Verknüpfung der einzelnen Wissenschaften, welche dem Knowledge Management zu Grunde liegen, durchzuführen. Doch was dann erwartet werden darf, sprengt jegliche Grenzen der zeitgenössischen Arbeitskultur, national wie international.

Digitalisierte Unternehmen der Zukunft werden konkret formalisierte Wissens- und Ideengerüste sein, die ihre (Unternehmens-)Identität durch ihr operatives Fortbestehen gewissermaßen autopoietisch selbst generieren und aktualisieren. Dabei impliziert Wissen keineswegs ausschließlich faktenbasierte Sachinformationen, sondern – was vielleicht die Kerneigenschaft darstellen wird – alle Stakeholder (in persona) einer Unternehmung. Somit wird der »Wissenskomplex Unternehmen“« sprichwörtlich mit Leben gefüllt, gleichbedeutend mit der Ergänzung um eine soziale Dimension. In der Folge werden bisherige statische Konzepte wie Organigramme und Berichtpraktiken praktisch abgelöst und durch dynamische Konzepte wie beispielsweise die von sozialen Netzwerken ersetzt; unabhängig von weiterbestehenden Hierarchiestrukturen. Vorbei die Zeiten der inhaltsleeren Titel und Job Descriptions. An ihre Stelle treten Individuen mit abbildbaren Wissensschätzen und Kompetenzen, die transparent werden, und damit hinsichtlich der Kollaboration innerhalb des Unternehmens Effizienz- und Innovationspotentiale freisetzen. Eine weitere Neuerung, die digitalisierte Unternehmen mit sich bringen werden, ist die Loslösung von ihrer Zeitabhängigkeit: Unsere Speicherkapazitäten reichen bereits heute aus, um die gesamte Entwicklung des »Wissenskomplexes Unternehmen« festzuhalten und zu konservieren. Dadurch lässt sich jeder vergangene Ist-Zustand abrufen, so dass von einer Erweiterung um eine zeitliche Dimension gesprochen werden kann, welche ironischerweise auf dem Verlust der Abhängigkeit von Zeit beruht. Wie an dieser Stelle festzuhalten ist, löst sich das digitale Unternehmen von beidem – Raum und Zeit.

Durch eine Kombination der letzten beiden erläuterten Veränderungen (soziale und zeitliche Dimension) lässt sich eine weitere Entwicklung vermuten. Sie bezieht sich auf die Art der Verknüpfung von Sachinformationen und die sich daraus ergebende Wissensbasis. Mithilfe der Semantik wird sich die ehemalige Datenbank quasi diskursiv im Sinne des Diskursbegriffs Michel Foucaults verhalten. So werden Informationen nicht mehr strikt bestimmten Kategorien zugeordnet und nur dort archiviert, sondern werden vielmehr jegliche Kategorien vermengt, sodass sie innerhalb der Wissensbasis eigenständige Spezialdiskurse bilden. Beispielsweise wird dokumentbasiertes Wissen mit E-Mail-Inhalten (Konversationen) oder auch Chat-Inhalten kombiniert und schließlich der Kontext eines Projektes zum Beispiel zugewiesen. Das ganze kann noch weiter gesponnen werden, so dass etwa Monitoring-Informationen über das Umfeld des Unternehmens als Referenzkontext genutzt werden und einen noch umfassenderen Sinnzusammenhang produzieren. Führt man sich hierzu nochmals den Aspekt der zeitlichen Dimension vor Augen, zeigt sich, dass sich ein Unternehmen als Wissenskomplex praktisch anhand der in ihm produzierten Diskurse zu jedem beliebigen Zeitpunkt hinsichtlich seiner jeweiligen Situation und Reaktion auf Entwicklungen rekonstruieren lässt. Besonders in der zeitlichen Dimension wird deshalb deutlich, dass digitalisierte Unternehmen der Zukunft wahrhaft dynamische (diskursive) Wissenskomplexe mit einer nachvollziehbaren Ideengeschichte sein werden.

Die aufgezeigten vermuteten Veränderungen können hier nur einige Denkanstöße vermitteln, wenngleich sie gegenwärtig auch noch verhältnismäßig unrealistisch klingen; doch werden viele Aspekte schneller in der Praxis ihre Anwendung und Auswirkung finden, als man derzeit zu glauben wagt – das lehrt zumindest die bisherige Entwicklung bezüglich digitaler Innovation. In jedem Fall, und dessen darf man sicher sein, werden Unternehmen und ihr erfolgreiches (Knowledge) Management in Zukunft weitaus komplexer sein als jemals zuvor. Mehr noch: Sie werden sich in einem neuen Wirtschaftszeitalter wiederfinden.

Bildnachweise:
Tomás Saraceno: “Galaxies Forming along Filaments, Like Droplets along the Strands of a Spider’s Web” (Quelle) & riokibattlenite: “Matrix City”.

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2 Responses »

  1. Fühlt sich ein bißchen an wie der Zug der Zukunft, der einen überrollt. Hat vielleicht deswegen bislang noch niemand kommentiert? :-) Dein Post bringt mich auf Ideen … möchte am liebsten sofort aufspringen und losrennen, um all das in die Tat umzusetzen!

    Aber auch wenn wir für ein Stück des Weges noch gut gerüstet sind mit unserem postmodernen Gedankengut als mentaler Marschverpflegung, wird uns an irgendeiner Stelle die digitale Disruption am Kragen packen: “You take the blue pill—the story ends, you wake up in your bed and believe whatever you want to believe. You take the red pill—you stay in Wonderland and I show you how deep the rabbit-hole goes.

  2. Ein faszinierender Post, der aufgrund der hohen fachlichen Kompetenz unheimlich viele Denkanstöße vermitteln kann… ein wirklich gelungener Gastbeitrag. Danke für die neuen Ideen und die spannenden Vermutungen, die du da angestellt hast.

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