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Die Ästhetische Gesellschaft — Session.Seven: Ein Wavetank VideoCast

Wavetank

Siggi, Tim und ich haben die siebte Session unseres VideoCasts »Die Ästhetische Gesellschaft« aufgenommen, auf Vimeo hochgeladen und wie immer mit einem Geleitwort auf Wavetank eingestellt. Damit hätte ich nun blogtechnisch alle lebenden Sessions aufgeholt.

Zum vermeintlichen Elfenbeinturm, mit dem wir anläßlich Siggis Anti-Rorty-Eruption beginnen, kehren wir im Laufe der Diskussion immer wieder zurück, auch wenn der harte Cut zu Facebooks “Like-Button” und zur absoluten Vernetzung das nicht so ohne weiteres vermuten läßt.

Was sind die Konsequenzen einer maximalen Demokratie, in der alle über alles abstimmen zu jeder Zeit? Eine Vermutung ist, daß die Demokratie dadurch zu einer Art Blob-Mob wird, in der Exzellenz ihren Schrecken verliert und alles in die Normalverteilung der Bell Curve gezwängt wird. Kann das Prinzip von Relevanz erhalten werden, wenn alles relevant wird? Gibt es überhaupt noch schützenswerte Daten, wenn alle Daten gleich (irr)relevant geworden sind? Ist Facebook ein Symptom für die Beschleunigung in ein Post-Privatsphäre-Zeitalter?

Interessanterweise verläuft diese Entwicklung aber parallel mit der Entwicklung zu “Walled Garden” und “Splinternet” als Pauperisierung des Networking. Eine Entwicklung, die zeigt, daß das AOL-Modell keineswegs tot ist, was unsere Diskussion zur Reflexion und Rezeption von Netzwerken überleitet. Ist das Bewußtsein für Netzwerke unterentwickelt und wenn ja, ist dies auch eine Auswirkung davon, daß die Sozialwissenschaften jede Menge nachzuholen haben, was das Popularisieren ihrer Forschung anbetrifft? Wieder der Elfenbeinturm. Auf der einen Seite dringen Informationen nur mühsam aus diesem Turm heraus. Auf der anderen Seite wird von populistischen Medien das organisierte und institutionalisierte Nachdenken nicht nur über Netzwerke generell als elfenbeintürmisch etikettiert und jede Selbstbeobachtung als Nabelschau. So läßt sich kein Bewußtsein schaffen. Was uns zurück zur Politik bringt und auch zu der Frage, ob im Kontext der gesellschaftlichen Beschleunigung Legislaturperioden vielleicht zu lang geworden sind, weil sich zuviel Schaden anrichten läßt, oder endlich lang genug geworden sind, weil relativ gesehen Zeit genug wäre, langfristig zu planen und zu handeln.

Weitere Konsequenzen des Blob-Mobs: Wenn jede Information zu jedem Zeitpunkt in Realzeit aufgerufen werden kann, lassen sich diese Informationen dann überhaupt noch kontextualisieren? These: Es wird nicht der ursprüngliche Kontext der Information rekonstruiert, sondern ein neuer Kontext wird aus den Mustern im Netzwerk und der eigenen Wahrnehmung in diesem Netzwerk konstruiert. Wie wird uns das als Menschen verändern? Kann ein nachlassendes Verständnis für das Kulturgut des Buchdruckzeitalters uns als Marker dienen für eine einsetzende Veränderung? An dieser Stelle steigen wir ein in die interessante und durchaus kontrovers geführte Diskussion darüber, was »Digitalisierung« tatsächlich bedeutet, und ob wir uns wirklich im klaren darüber sind, was es heißt, in einer Gesellschaft zu leben, in der alles digitalisierbar ist. Die daraus ableitbare universelle Kopierbarkeit ist dabei ein wichtiger Aspekt, mit drohenden Folgen für Begriffe wie Kunst, Authentizität und Original. Dabei stießen wir auch auf ein interessantes Quasi-Paradoxon:

a) Ist der Begriff des »Originals« überhaupt noch brauchbar, wenn die Haltbarkeit eines solchen Originals nur noch in Mikrosekunden zu messen ist, bevor es von seinen Kopien nicht mehr unterschieden werden kann?

b) Aber ist Haltbarkeit nicht gerade unser Problem, weil durch digitale Kopierbarkeit, Konservierung und Archivierung keine Information je wieder verschwindet?

Über Elfenbeintürme, Fachsprachen und Metaphernnutzung schließlich kommen wir zurück zur Politik und zu Wahlwerbung und zu der steilen These, daß der Satz »Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient« mittlerweile lauten sollte »Jedes Volk hat die Werbung, die es verdient«.

Kulturelle Quanta, Session Seven
Das Mooresche Gesetz nach Frank Schirrmacher in Payback, S.13 (erste Textseite):

Moores Gesetz – das Gesetz, wonach sich die Geschwindigkeit der Prozessoren alle zwei Jahre verdoppelt – kannte ich schon, als ich meinen ersten Amstrad-Rechner kaufte.

Das tatsächliche Mooresche Gesetz nach Gordon Moore in der Wikipedia:

Das Mooresche Gesetz […] sagt aus, dass sich die Komplexität integrierter Schaltkreise mit minimalen Komponentenkosten etwa alle zwei Jahre verdoppelt. […] Nach der heute vorherrschenden, abgewandelten Auslegung sagt das Mooresche Gesetz aus, dass sich die Anzahl an Transistoren auf einem handelsüblichen Prozessor alle achtzehn Monate verdoppelt.

Der Text von Richard Rorty, den J. toll findet: Contingency, Irony, and Solidarity. Der Text von Richard Rorty, den Siggi schrecklich findet: Philosophy and the Mirror of Nature.

Die Infographik “A Comparison of Dedicated Servers By Company” zu Googles Servern.

Zur JSTOR-Paywall ein von der .

Die Rubik’s Cube und Phone Catcher Robot-Videos.

Marshall McLuhan und seine Texte The Gutenberg Galaxy und Understanding Media: The Extensions of Man. Aus letzterem stammt das Zitat “The Medium is the Message”.

Das Weber-Fechner-Gesetz und die Bekenstein-Grenze.

Zur Fachsprachendebatte: Just Being Difficult?: Academic Writing in the Public Arena, herausgegeben von Jonathan Culler und Kevin Lamb.

Und schließlich der 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung.

Errata
Paywall, nicht Firewall (um 12:00).

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