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VOLL KRASS: Gedanken zur ß-Regel

brave new texts

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Immer wieder ist zu hören, zuweilen auch aus reformkritischen Reihen, daß ja immerhin die neue sz-Regel hilfreich & sinnvoll sei. Die Argumente dafür sind zumeist aber vage und reduzieren sich darauf, daß die neue Regel sich in einem einfachen Hauptsatz ohne Schleifchen und Arabesken darstellen läßt:

»ß« steht nach langem Vokal oder Diphthong

Klingt nett, ist aber für viele überhaupt nicht hilfreich. Keinesfalls würde ich die Adelungsche s-Schreibung verteidigen wollen, die bis zur Rechtschreibreform galt. Ich halte bloß die alte Regel und die neue Regel — die selbst wiederum nur auf eine andere sehr alte Regel zurückgreift, nämlich die Heysesche s-Schreibung — für gleich gut oder gleich schlecht geeignet, Leute bei dem Versuch zu unterstützen, weniger Rechtschreibfehler zu machen. Warum? Hier ein paar Gründe.

  1. Die Regel ist hilfreich nur dort, wo bereits das Wissen vorliegt, ob nicht ohnehin ein einfaches »s« dorthin gehört. Die Mutter aller Probleme dieser Sorte ist sicherlich »daß« vs. »das«, aber was ich darüber hinaus nahezu täglich an s-vs.-ß-Fehlern aus Marketing-Abteilungen großer Firmen auf den Tisch oder ins Postfach bekomme, spottet jeder Beschreibung.
  2. Die Regel ist hilfreich nur dort, wo Sprecher und Sprecherinnen klar zwischen »kurzen« und »langen« Vokalen unterscheiden können. Viele tun so, als sei das irgendwie sonnenklar. Ist es aber nicht! Selbst nur wenig vom idealen Hochsprachenkonstrukt abweichende Dialekte, Soziolekte, Ethnolekte etc. pp. variieren die Vokallängen und führen zu rechtschreiblicher Verstimmung. Dazu kommt, daß Deutschland ein Einwandererland geworden ist, und längst nicht in allen Sprachen existiert der Unterschied zwischen langen und kurzen Vokalen. Für Deutschlernende sind die theoretischen und praktischen Unterschiede zwischen langen und kurzen Vokalen oft ebenso opak wie zwischen offenen und geschlossenen Silben, betonten und unbetonten Silben oder gar Sprach- und Schreibsilben. (Nicht, daß nativ Deutschsprechende hier sattelfester wären.)
  3. Die Regel ist hilfreich nur dort, wo Sprecher und Sprecherinnen wissen oder sich auf Dauer merken können, was ein Diphthong ist. Das ist für Leute, die sich nicht täglich mit Sprachtheorie beschäftigen, keineswegs so einfach, wie es sich anhört: Nicht unbedingt eine Frage des Vergessens, aber des Unsicherwerdens nach einer Zeit des Nichtgebrauchs. Menschen, die öfter mal aber nicht oft genug oder gar beruflich ein Segelschiff betreten, sind jedesmal gerne von neuem unsicher und verwirrt, wenn es um die Zuordnung von Backbord und Steuerbord geht. Oder gar *keuch* um Luv und Lee.
  4. Zusätzliche Verwirrung schafft das Fehlen eines Zeichens für »ß« im Versalsatz (Bestrebungen zur Abhilfe sind ja unterwegs). Ich selbst erwische mich mittlerweile dabei, wie ich von einem Doppel-S zunehmend automatisch auf eine kurze Silbe zu schließen beginne und Wörter wie »GROSSHANDEL« oder »BERGSTRASSE« zunächst mit kurzer Silbe lese (wie »KRASS«), was ja in der Tat auch oft zu hören ist :-D

Die ästhetischen Ereiferungen aus den Sprachpflegerecken (mit der »Fugendiskussion« als Alibi-Feigenblatt) gehören nicht zu diesen Argumenten: Zum einen ist Ästhetik (individuell und gemeinschaftlich) subjektiv und sicher auch eine Sache der Gewohnheit, zum anderen sind zum Beispiel die deutschsprachigen Schweizer Kantone darob nicht in völkisch-äshtetische Depression verfallen und ihre Sprecher*innen und ihre Literatur vom Aussterben bedroht.

Nun ist es aber so, daß ich selbst in meinem Umfeld feststellen muß, daß die Menge der ß-relevanten Fehler spürbar zugenommen hat. Dies betrifft zum einen Texte von Marketingleuten und Werbetreibenden, oft mit abgeschlossenem Hochschulstudium (Betriebswirtschaft, Kommunikationsdesign, Germanistik), und zum anderen Texte von Hochschulabsolventen, meist aus den Geisteswissenschaften, die kreatives oder werbliches Schreiben zu ihrem Beruf machen wollen.

Aber heißt das nun, daß die neue Regel schlechter ist als die alte und zu höheren Fehlerquoten führt? Methodologisch dubiose Studien oder Umfragen, ausreichend zerlegt im Bremer Sprachblog und anderswo, scheinen dies nahezulegen, aber ich halte das für Nonsens. Die neue Regel ist bloß auf andere Art und Weise kompliziert.

Unterschieden werden sollte zudem zwischen Schulkindern und Erwachsenen. Eine Argumentation, die zunehmende Rechtschreibschwächen allein oder vorwiegend den neuen Regeln anlastet, halte ich schon hinsichtlich der demographischen Entwicklungen in Deutschland für bemerkenswert gehaltlos. Was Schule, Unterricht und Lerneffekt betrifft, dürften andere Gründe entscheidend sein, und die Effekte wären meiner Ansicht nach dieselben, hätte die alte die neue Regel abgelöst statt umgekehrt.

Bei Erwachsenen, die mit der alten Regel (teil-)aufgewachsen sind, ergibt sich ein etwas anderes Bild, das aber ebenfalls nichts mit der »Wertigkeit« der einen oder anderen Regel zu tun hat — sondern schlicht damit, daß der Wechsel von einer komplizierten Regel zu einer anderen komplizierten Regel ganz generell Unsicherheiten hervorruft. Rechtschreibregeln können niemals vollständig »logisch« sein (eine Voraussetzung dafür wäre zum Beispiel die aberwitzige Idee, daß sich ein Sprachstand konservieren ließe). Und das beste Mittel, um »unlogische« Dinge zu erlernen, ist die fortgesetzte Konfrontation mit, und das Nachahmen von, korrekten Anwendungen in der Lebensumgebung. Jeder »Ausfall« durch zunehmende Unsicherheiten im Zuge des Regelwechsels wirkt sich hier überproportional aus, möglicherweise sogar exponentiell.

Auch hier läßt sich wieder der Schluß ziehen, daß die neue Regel keinen Deut schlechter ist als die alte, sondern daß es der Wechsel selbst ist, der Probleme verursacht.

Und da liegt auch meine Kritik an der Rechtschreibreform. Dafür, daß die Schriftsprachenbeherrschung in Deutschland ursächlich schlechter geworden ist durch die neuen Regeln, liegen bislang keine schlüssigen Beweise vor. Aber daß der Wechsel von einem Regelwerk zu einem anderen als solches in der Erwachsenenbevölkerung zumindest temporär überproportional wirksame Unsicherheiten schafft, ist eine These, die empirischen Untersuchungen standhalten sollte. Zumindest temporär also schafft die Rechtschreibreform nur ein zusätzliches Problem, ohne langfristig und fundamental dem Problem der flächendeckenden Rechtschreibschwäche zu Leibe rücken zu können, und dies rechtfertigt meiner Ansicht nach in keiner Weise den gewaltigen Dissens, der durch diese Reform ausgelöst wurde.

Disclaimer
An alle Sprachpfleger, Sprachnörgler, Sprachräte und Sprachreiniger: Nein, ich bin nicht Euer Freund. Ich bin nicht einmal auf Eurer Seite. Sprachwandel ist eine fundamentale Eigenschaft von Sprache. Verschmerzt das und lebt damit.
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11 Responses

  1. Ein mutwilliger, zerstörerischer, vorschreibender, verbietender Eingriff in die Sprache von Dilettanten ist KEIN Sprachwandel!

  2. „Zumindest temporär also schafft die Rechtschreibreform nur ein zusätzliches Problem, … und dies rechtfertigt meiner Ansicht nach in keiner Weise den gewaltigen Dissens, der durch diese Reform ausgelöst wurde.“

    Hier hat Ihre Logik einen Bruch. Es müßte heißen: „… rechtfertigt in keiner Weise, überhaupt eine Reform durchzuführen.“ Oder sehen Sie gewichtige Vorteile – Sie haben keine genannt.

  3. @Maria: Nicht, daß ich dem prinzipiell widersprechen wollen würde. Aber diese illustre Beschreibung definiert, im großen und ganzen, wie angegossen ebenso jene Klientel, von der ich mich im Disclaimer distanziere und im Rahmen meiner Reformkritiken auch stets zu distanzieren genötigt sehe.

    @anonym: Mit »diese Reform« meine ich in der Tat diese Reform. Die Idee, daß überhaupt keine Rechtschreibreform Vorteile haben könnte, hat absolut nichts mit Logik zu tun, aber alles mit Ideologie.

  4. Sorry, da haben Sie schon recht. Ich hatte gemeint (aber nicht geschrieben):

    Hier hat Ihre Logik einen Bruch. Es müßte heißen: „… rechtfertigt in keiner Weise, eine Reform mit den genannten Nachteilen durchzuführen.“ Oder sehen Sie gewichtige Vorteile – Sie haben keine genannt.

    Und jetzt haben Sie immer noch keine genannt, die es rechtfertigen würden, diese Reform (und nur diese) beizubehalten – denn die Probleme werden ja nicht abgebaut, sie kumulieren sich weiter. Das Nebenbei-Lernen beim Lesen, früher die effektivste Methode, ist heute kaum noch möglich und wird immer weniger möglich – mehr Fehler sind eine Folge.

  5. Das mögen Sie so sehen, aber bei jenen handelt es sich doch um machtlose Einzelpersonen, die nichts anrichten, oder?

  6. Man kann auch versuchen, sachlich zu bleiben, andere nicht zu beleidigen, anderen nichts zu unterstellen. Auch wenn es schwerfällt: Versuchen Sie es mal!

  7. maria/juana, Ihre Sockenpuppenspiele sind hier keinen Deut weniger kindisch als auf dem Bremer Sprachblog. Ich behalte mir vor, weitere Kommentare dieser Art zu entfernen.

  8. @anonym: Da kann ich auch nicht wirklich welche nennen. Meine Meinung läßt sich im Wesentlichen in diesen vier Punkten zusammenfassen: 1) Ich persönlich hielt die Reform sowohl inhaltlich wie von ihrer Durchführung her für eine Zumutung; 2) ich hätte mich über eine sinnvolle Reform gefreut, die Dinge tatsächlich einfacher gemacht hätte; 3) ich vermute, daß ein »Zurückrollen« alles nur noch schlimmer machen würde; 4) ich würde mich immer noch über eine sinnvolle Reform freuen, die Dinge tatsächlich einfacher macht.

    Sicherlich werde ich zu einzelnen dieser Punkte früher oder später noch etwas schreiben; das ist ein bißchen zu breit angelegt für eine Kommentardiskussion zu einem Eintrag, der eigentlich nur die ß-Regel betrifft *kicher* …

  9. Diphtong schreibt man nur mit einem „h“.

  10. Hm — auf welchem Planeten?

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